Medienhygiene – bewusster entscheiden, womit wir unsere Psyche füttern

237 Minuten Fernsehen, 133 Minuten online veröffentlichte Inhalte, 101 Minuten Radio, 28 Minuten Bücher und 22 Minuten Zeitungen und Zeitschriften werden in Deutschland im Durchschnitt jeden Tag konsumiert. (Quelle: SevenOne Media, 2020) Doch was macht diese Zeit, die wir in den Konsum medialer Inhalte investieren, mit unserer Psyche? Um diese Frage bzw. die Frage nach der Optimierung unseres Medienkonsums mit Blick auf unser persönliches Wohlbefinden geht es bei dem Konzept einer „Medienhygiene“.

Zum ersten Mal mit dem Begriff der Medienhygiene konfrontiert wurde ich, als ich im Sommer 2019 das Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ von Maren Urner* gelesen habe. Bis zu dem Zeitpunkt habe ich mir über meinen Medienkonsum wenig Gedanken gemacht und bin eher intuitiv vorgegangen – was zugegebener Maßen oft in sehr viel Trash TV und sehr wenig Mehrwert geendet ist.

Diese zentralen Gedanken konnte ich für mich aus dem Buch mitnehmen:

  • die Medien, die wir konsumieren, formen unser Weltbild
  • ständiger, unkontrollierter Medienkonsum setzt unser Gehirn unter Dauerstress
  • Journalismus sollte konstruktiv sein – er soll das Negative in der Welt nicht ausblenden, sondern es einordnen und Lösungsansätze bieten
  • Medienhygiene braucht neue Gewohnheiten
  • man muss den Kreislauf aus Reiz und falscher Belohnung durchbrechen, um die Kontrolle zurückzugewinnen

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte dieses Buch gelesen und sofort hätte sich mein Medienkonsum grundlegend verändert. Es war ein schleichender Prozess – ich habe angefangen mehr über das Thema nachzudenken, mich, mein tägliches Verhalten und meine Gedanken zu beobachten und nach und nach Kleinigkeiten zu verändern. So bin ich mittlerweile an einem Punkt angekommen, wo ich der Meinung bin, eine gesunde Medienhygiene etabliert zu haben. Hier meine wichtigsten Erkenntnisse:

1. Es kommt nicht nur auf den Inhalt an

Man könnte meinen, bei der Frage „Was soll ich konsumieren?“ ginge es nur um die Inhalte. Ich habe in den vergangenen Monaten aber festgestellt, dass auch das Format – also die Aufbereitung, die Länge usw. – einen Unterschied machen, wenn es darum geht, wie die medialen Inhalte sich auf meine Psyche auswirken. Ich habe meine im ersten Lockdown entwickelte Liebe zu TikTok mittlerweile hinter mir gelassen. Einfach, weil ich gemerkt habe, dass dieser Art von Content mir auf Dauer nicht guttut. Diese ganz kurzen, emotional aufgeladenen Videos, die sich automatisch hintereinander abspielen, ohne, dass man merkt, wie viel Zeit man damit verbringt, die haben dazu geführt, dass ich schlechter zur Ruhe kommen konnte, meine Konzentrationsspanne sich verringert hat und ich ungeduldiger wurde. Wenn ich abends TikToks geschaut hab, habe ich eine Ewigkeit gebraucht, um einschlafen zu können. Ich bin froh, dass ich irgendwann den Zusammenhang zwischen „irgendwie fühle ich mich in letzter Zeit nicht so ausgeglichen“ und „irgendwie habe ich in letzter Zeit ganz schön viel Zeit auf TikTok verbracht“ gesehen habe.

2. Ich brauche das Gefühl, „fertig“ zu sein, …

besonders bei Nachrichten. Ich möchte informiert sein, ja, aber den ganzen Tag über immer wieder durch die Newsportale zu scrollen, kostet nicht nur Zeit, sondern auch Energie. Und das Unbefriedigendste daran: man ist nie fertig – hat man einen Artikel gelesen, ist der Nächste bereits online. Ich habe herausgefunden, dass ich viel mehr Spaß an Nachrichten habe, wenn man sie mir kompakt in 20 Minuten vorstellt. Ich höre morgens beim Kaffee-Trinken einen Nachrichtenpodcasts und weiß, ich hab das wichtigste mitbekommen. Tagsüber bekomme ich dann die Push-Benachrichtigungen von diversen News-Apps, sodass ich zwar schon auf dem neusten Stand bin – aber ich kann sie in den meisten Fällen guten Gewissens kurz zur Kenntnis nehmen und dann wegklicken, weil ich weiß, falls es wirklich wichtig ist, erhalte ich die Hintergrundinfos am nächsten Morgen.

3. Das mit den Push-Benachrichtigungen ist so eine Sache …

Für mich sind Push-Benachrichtigungen, wie gerade erwähnt etwas Positives – sie geben mir das Gefühl, nichts zu verpassen, ohne dass ich mich aktiv auf die Suche nach den neusten News begeben muss. Ich verstehe aber auch, wenn Menschen sagen, dass es für ihre Psyche nicht gut ist, permanent von negativen Meldungen erreicht zu werden. Ich denke, das ist einfach etwas wo jeder selbst beobachten muss, welche Auswirkungen das hat. Medienhygiene hat also ganz viel mit Selbstreflexion zu tun – ein allgemeines „Richtig“ oder „Falsch“ gibt es nicht.

Disclaimer an dieser Stelle: Das „nur Überschriften lesen“ funktioniert jedoch nur, wenn man sich drumherum auch informiert und die Hintergrundinfos eben dadurch hat, dass man täglich fundiertere Formate wie Nachrichtensendungen, Podcasts, Talkshows, aktuelle Dokus oder sonstiges konsumiert. Ansonsten führt das nur zu gefährlichem Halbwissen, aber ich denke, das ist uns allen klar.

4. Ich habe in den vergangenen Jahren viel zu wenig gelesen

Ich war immer und bin nach wie vor ein großer Fan von Bewegtbild- und Audioinhalten. Ich finde es praktisch, dass man sie nebenbei konsumieren kann und, dass sie nicht die volle Konzentration verlangen, die man nach einem anstrengenden Tag vielleicht nicht mehr aufbringen möchte. Allerdings habe ich in den vergangenen Monaten festgestellt, dass genau dieses „ich muss mich jetzt auf eine einzige Sache konzentrieren“ das ist, was mir beim Lesen so gut tut. Bücher helfen mir dabei, abzuschalten und zu entschleunigen – aus diesem Grund sind sie mittlerweile wieder fester Bestandteil meines Alltags. Ich bin gespannt, ob ich meine Reading Challange für 2021 schaffe und dieses Jahr wirklich 20 Bücher lese, aber momentan habe ich zumindest großen Spaß daran.

5. Rituale sorgen für mehr Spaß am Medienkonsum

Das Ziel muss nicht sein, seine Bildschirmzeit zu verringern und Medien müssen kein Gegner sein. Ganz im Gegenteil – Medien bereichern meinen Alltag total. Deswegen an dieser Stelle etwas Positives: Gerade in diesen etwas unstrukturierten Zeiten, in denen man nicht so oft das Haus verlässt und soziale Interaktion nur sehr beschränkt stattfindet, gegeben Medien meinem Tag eine Struktur, die ich sehr schätze. Der Podcast morgens beim Fertigmachen, das Lesen nach dem Abendessen und die Polit-Talk-Show vorm Schlafengehen – das sind Dinge, auf die ich mich jeden Tag auf’s neue freue. Ich liebe Routinen und da dürfen auch Medien auf keinen Fall drin fehlen.

Was ist euch beim Medienkonsum besonders wichtig? Ich würde mich freuen, wenn wir uns in den Kommentaren über das Thema austauschen!:)

3 Kommentare zu „Medienhygiene – bewusster entscheiden, womit wir unsere Psyche füttern

    1. Aktuell höre ich am liebsten „0630 by WDR aktuell“, weil ich dieses Dialog-Format sehr gerne mag und die das sehr locker und verständlich rüberbringen. Ansonsten finde ich aber auch „Steingarts Morning Briefing“ super oder wenn es mal kürzer sein soll, dann „SPIEGEL Update – die Nachrichten“… vielleicht ist da was Passendes für dich dabei 🙂 Liebe Grüße, Romy

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