Toxische Produktivität | 6 Glaubenssätze, die wir hinterfragen sollten

Die Produktivitäts-Bubble in Sozialen Medien ist ein Fluch und ein Segen zugleich. Zum einen liebe ich es, Menschen zuzusehen, die genauso wie ich Spaß am Arbeiten und Organisieren haben und von denen ich mir an der ein oder anderen Stelle vielleicht einen Tipp holen kann. Es motiviert und inspiriert mich. Andererseits werden in solchem Content so häufig toxische Glaubenssätze reproduziert. Darunter verstehe ich jegliche Idealisierung eines ungesunden Ausmaßes an Produktivität auf die Kosten der eigenen (mentalen) Gesundheit. Ich kann mich sicherlich nicht davon freisprechen, dass sich nicht auch in meinen Blogbeiträgen solche befinden – aus diesem Grund möchte ich das Thema heute mal aus einer anderen Perspektive beleuchten und Glaubenssätze, die aus dem Streben nach maximaler Produktivität resultieren können, hinterfragen.

1. „Je mehr Zeit ich mit Arbeiten verbringe, desto produktiver bin ich.“

Produktivität lässt sich nicht in Stunden messen. Man kann in 30 Minuten manchmal mehr erreichen als in 10 Stunden. Ich weiß das und trotzdem erwische ich mich dabei, dass ich mich schlecht fühle, wenn ich mal um 15 Uhr schon Feierabend mache oder mir eine längere Mittagspause nehme. Das kommt, glaube ich, davon, dass wir die Qualität von Arbeit noch sehr in der dafür aufgewendeten Zeit messen – so wird man klassischerweise ja auch bezahlt. Unter dem Motto „New Work“ und „New Pay“ findet in der Arbeitswelt diesbezüglich ein Wandel statt – wir sollten unsere Arbeit auch auf individueller Ebene anfangen, unsere Arbeit an der Qualität des Ergebnisses zu messen.

2. „Sleep is for the weak“

Können wir bitte aufhören Schlafmangel zu glorifizieren? Ja, ich arbeite gerne morgens und stehe deshalb gerne früh auf – möchte aber an dieser Stelle auch betonen, dass ich deshalb abends nicht arbeite und relativ früh ins Bett gehe. Weniger Schlaf scheint auf den ersten Blick eine tolle Möglichkeit, um sich mehr Zeit zu verschaffen, aber langfristig schadet man sich damit nur.

3. „Wenn man richtig im Flow ist, vergisst man halt zu essen.“

Über das Thema „Flow“ habe ich einen ganzen Blogbeitrag geschrieben und ja, darin habe ich auch erwähnt, dass es normal ist, dass Grundbedürfnisse in diesem Zustand in den Hintergrund rücken. Nichtsdestotrotz ist es nicht normal, wenn Menschen um 17 Uhr in ihr Handy sagen „das ist jetzt meine erste Mahlzeit, hab völlig vergessen etwas zu essen“ – doch das sehe ich leider so oft. Es ist nicht gesund und es bringt auch mit Blick auf die Produktivität nichts – ja, man spart die 15 bis 30 Minuten, die man braucht, um sich was Schnelles zu kochen und es zu essen, aber was macht das mit dem Energielevel?

4. „Solche stressigen Phasen gibt es halt mal.“

Grundsätzlich ist an diesem Satz nichts falsch, denn egal wie sehr man auf eine gute Work-Life-Balance achtet, lässt es sich manchmal nicht verhindern, dass es stressige Phasen gibt. Ich habe jedoch das Gefühl, dass es dabei ein Problem gibt und zwar die fließende Grenze zwischen der „Phase“ und einem Dauerzustand. Wenn diese Phasen nämlich zu lange werden, tun wir mit diesem Satz nichts anderes als einen ungesunden Lebensstil zu beschönigen. Für mich persönlich ist die Grenze bei einer Woche – eine Woche darf ich mich gestresst fühlen und dann muss das Wochenende genutzt werden, um irgendwas zu ändern. Denn Stress ist kein Zeichen dafür, dass man busy, produktiv und wichtig ist, sondern dafür, dass irgendwas nicht richtig läuft.

5. „Produktive Menschen haben perfekte Routinen und Gewohnheiten.“

Yoga, Meditation, Tagebuch schreiben, spazieren, Lesen, Me-Time – all das sind Dinge, bei denen ich weiß, dass sie mir guttun und die ich deshalb in meine Routine integriert habe. Es gibt aber auch Tage, da möchte ich mir nicht die Zeit dafür nehmen oder da fühle ich mich nicht danach und dann sollte man es auch sein lassen. Eine solche Routine sollte nie zu zusätzlichem Stress führen.

6. „Du musst auf alles vorbereitet sein.“

Das ist einer meiner am tiefsten verankerten Glaubenssätze, doch in dieser Absolutheit ist er problematisch. Vorbereitung ist in einem gewissen Maß richtig und wichtig, allerdings sollte diese Herangehensweise einen nicht davon abhalten auch mal im hier und jetzt zu leben. Was uns Menschen, die immer perfekt vorbereitet sein wollen manchmal fehlt, ist das Grundvertrauen dafür, dass am Ende irgendwie immer alles gut wird.

Beim Schreiben dieses Beitrags ist mir eine Sache aufgefallen: Bei keinem der Glaubenssätze konnte ich sagen, dass er von Grund auf falsch ist. Oft ist der Ansatz richtig – wenn man erfolgreich sein will, muss man manchmal die Extra-Meile gehen, man kann nicht den ganzen Tag verschlafen und dann erwarten dass man viel schafft, der Flow-Zustand ist an sich etwas Tolles, stressige Phasen sind normal, Routinen können einem guttun und Vorbereitung genauso. Ab einem gewissen Punkt kippt es jedoch und die angebliche Produktivität schadet uns mehr als sie uns weiterbringt. Wann dieser Punkt erreicht ist? Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Aus diesem Grund ist dieser Beitrag eine Einladung zur Reflexion der eigenen Arbeitsweise und zur Priorisierung der Psychohygiene.

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